Zehn Fragen zur neuen Digitalen Konzertorgel der Kunstuniversität Graz – zehn Antworten von Gunther Rost

Ich danke Mag. Peter Donhauser für die Übermittlung dieser Fragen zur neuen Digitalen Konzertorgel der Kunstuniversität Graz.

Graz, am 10.01.2013

Gunther Rost

1. Bei der Entscheidung für ein elektronisches Instrument für eine Hochschule steht wohl keine finanzielle Kalkulation dahinter, sondern ein künstlerisches Konzept?

Das ist sehr freundlich gemeint, aber hinter jeder Anschaffung steht natürlich auch eine finanzielle Kalkulation, ein finanzieller Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens sollte die Grundidee der Orgel realisiert werden, nämlich verschiedenste Klänge durch nur einen Menschen mit den jeweiligen Mitteln und Technologien der Zeit lebendig werden zu lassen. Außerdem wollten wir das Instrument mobil machen, physisch und psychisch. Da die Orgel schon immer mit außerordentlich vielen 0/1-Weichenstellungen digital operierte, führt ihr Wesen zum modernen Computer hin. Max Plancks Entdeckung des Wirkungsquantums legt die Vermutung nahe, dass die Orgel damit nicht allein steht, da eventuell alles digital und vielleicht sogar das Universum ein Computer ist. Das ist der Hintergrund.

2. Der Raum, in dem das Instrument aufgestellt ist, hat keine adäquaten akustischen Eigenschaften, er ist für Konzerte ungeeignet. Wie geht man damit um?

Die Frage basiert auf Behauptungen: Waren die Räume der Grazer Kunstuniversität bekannt und wurde die globale Situation der Orgel einbezogen? Diese Gesamtsituation gilt es wahr-, aber nicht hinzunehmen: Zum einen ist die Grazer Orgel daher mobil und eben nicht an einen Raum gebunden. Zum anderen ist das Instrument hinsichtlich unzähliger Parameter wie der Lautstärke und der Raumakustik flexibel, es kann sich also an die jeweilige Umgebung anpassen. Und jetzt werden Sorgen laut?

Sind denn die Räume, in denen Orgeln üblicherweise stehen, eher adäquat? Ist die Kirchenakustik eher geeignet, kann dort klar, deutlich und kontrastreich in allen Tempi musiziert werden? Sind denn die üblicherweise bespielten Räumlichkeiten wirklich für Orgelkonzerte geeignet, kann man sich dort thematisch und emotional frei äußern, sind sie gemütlich und warm? Gibt es sonst besseren Kontakt zwischen Publikum und Bühne, wenn ja, sind die Räume leistbar? Können sich anderenorts die OrganistInnen wirklich besser zuhören, sind die Registrierungen am Spieltisch gut gemischt? Wie ideal sind die Übemöglichkeiten? Sind denn herkömmliche Orgeln in Kirchen, Universitäten, Konzertsälen Gehör schonend? ... Mir wäre das alles neu!

Wenn man sich mit der Orgelkultur auseinandersetzt, kann nicht unbemerkt bleiben, dass die Situation desolat ist: Seit mehr als zweihundert Jahren machen unzählige KomponistInnen einen mehr oder weniger großen Bogen um die Orgel. Festivals, DirigentInnen, Labels und Publikum meiden heute das Instrument. Die Stellensituation ist gerade hier zu Lande eine Katastrophe. Außerhalb liturgischen Dienens ist die Orgel praktisch nicht existent. Wer kann sich in dieser Lage leisten, Lösungsansätzen misstrauisch zu begegnen?

 

3. Wie wichtig ist die Annäherung an »echten« Pfeifenklang bei diesem Instrument? Welche Auswirkungen hat die Frage auf das Literaturspiel?

Zum einen ist die Imitation wichtig, sie ist aber nicht das primäre Ziel – anders als bei Kopien historischer Instrumente. Zum anderen darf nicht vergessen werden, dass die Orgel immer nachahmte (Gamben, Flöten, Trompeten, das Orchester oder auch Naturlaute) und dies zu ihrem Wesen gehört. Grundsätzlich imitiert ohnehin alles Spätere das Frühere. Was ist also »echt«?

Die Auswirkungen auf das Literaturspiel sind demnach im Eigentlichen nicht neu, sie können aber neu bewusst machen. In einer Zeit, in der wir uns mit zunehmend vielen Parametern dem Klang vergangener Epochen angenähert haben, werden andere Fragen immer lauter:

Welche Faktoren sind es, die exakter Kopie bedürfen, um die Kernbotschaft von Partituren zum Ausdruck zu bringen? Bedarf es der Kopie aller Faktoren oder hinsichtlich welcher ist die jeweilige musikalische Idee flexibel? Welche Aspekte eines Werkes müssen heute vordringlich beleuchtet werden? Welche sind besonders wertvoll? In einem Beispiel: Zur Zeit Shakespeares wurden sämtliche Charaktere – auch die weiblichen – von Männern dargestellt, Frauen waren für die Bühne nicht zugelassen. Glauben Sie, der Autor fühlte sich unbedingt besser verstanden, würden wir seine Julia heute ausschließlich männlich besetzen? Würden wir ihm dienen, wenn wir auf Verfilmungen oder Übersetzungen verzichteten?

4. Welchen Einfluss hat das auf den Unterricht? Wie sollen Studenten damit umgehen?

Studierende und Lehrende müssen neu und so tabulos wie eigenverantwortlich hinhören lernen. Es wird schwerer, sich hinter Spieltraditionen zu verstecken und beispielsweise zu behaupten, Prinzipal 8'+4' klänge gut, weil man das »halt so macht«, es »da steht«, weil vielleicht ein Orgelbauer für Lehrer Lämpel einst händeringend – zur Vermeidung grober Rufschädigung – Hinweise gab oder weil es vielleicht das Vademecum eines Kleinmeisters empfahl. Auch kann man eigene Mängel erstmal nicht so leicht auf Instrument und Raum schieben.

5. Zur Frage des »Imitats« und der Bezeichnung »Orgel« für elektronische Instrumente: Würde ein neuer Name das argumentative Problem lösen oder ist das bedeutungslos?

Was ist »das argumentative Problem« und wer hat Argumente genannt?! ... Wie auch immer: Die Frage ist für mich nicht ganz bedeutungslos, denn im Gegensatz zu »PianistIn« versteht man – wie wir wissen – unter »OrganistIn« eine unabhängige KünstlerInnenpersönlichkeit, die ihr Publikum hochvirtuos, auswendig und bühnenpräsent bestens zu unterhalten versteht sowie beim Nennen der eigenen Profession im Anwert beträchtlich zulegt; daher vereint ja auch das Verb »orgeln« alles Wünschenswerte in sich..

(Zum Begriff »Imitat« verweise ich auf meine Antwort zur dritten Frage.)

 

6. Elektronischen Instrumenten wird seit den 1930er Jahren die »Kunstfähigkeit« abgesprochen. Wie sehen Sie das Problem?

Da sehe ich allerdings ein ernstes Problem! Gibt es wirklich KünstlerInnen, die so etwas tun? Muss wirklich hingewiesen werden auf unzählige Kompositionen, KomponistInnen, Institute, Festivals oder Professuren im Bereich der elektronischen Musik? Gibt es ernstzunehmende KünstlerInnen, an denen das vorbei gegangen ist? Welcher Geist verlieh das Recht, »Kunstfähigkeit« abzusprechen, welcher beschloss in den 1930er Jahren darüber?

7. Ist die Akzeptanz elektronischer Instrumente Ihrer Meinung nach eine gesellschaftliche, ästhetische, künstlerische oder ökonomische Frage?

Was ist Akzeptanz? Wenn's der Masse gefällt? Ein gefährlicher Messwert! Aber: Nichts ist bekanntlich stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Es ist also alles Genannte und nur eine Frage der Zeit.

8. Bisher ist das Instrument ein Unikat. Will man die Möglichkeiten nützen, muss man es auf Reisen mitnehmen. Ist das nicht prohibitiv, bleibt es nicht dadurch eine Orchideen-Lösung?

Ich halte die Annahme, eine neue Chance könne »prohibitiv«, also hinderlich sein, grundsätzlich für widersprüchlich, geht man vom Fortschrittsgedanken aus, dem die Universitäten und damit ganz klar auch die Kunstuniversitäten ihrer Wesensnatur und ihrem Auftrag nach Rechnung zu tragen haben. Was ist die gewonnene Mobilität der Orgel anderes als eine Chance? Wie kann eine zusätzliche Option etwas verhindern, außer das Fortwähren der gegenwärtigen, defizitären Situation? Die Geschichte der ersten Glühbirne, der Eisenbahn, des Verbrennungsmotors, des Flugzeugs, des Computers, des Internets beweist das Gegenteil.

9. Wie steht es um das Verhältnis Ankaufspreis und Lebensdauer (als Elektrogerät unterliegt sie bekannten Randbedingungen)?

Die Grazer Orgel ist im Kern digitale Information und es genügt elektronische Datenübermittlung, damit sie allerorts über einen kompatiblen Empfänger hörbar werden kann. Ein Computer (günstigenfalls mit einem ähnlichen Spieltisch) genügt bei ausreichender Leistungsfähigkeit, um die Orgel mit den übertragenen Daten überall spielen zu können. Die Wiedergabe kann per Kopfhörer oder durch beliebig aufwendige Lautsprechersysteme erfolgen. Das ist vergleichsweise kostengünstig und langlebig.

10. Halten Sie eine Diskussion über das Thema »Pfeifenorgel versus elektronisches Instrument« in einem qualifizierten Rahmen für notwendig und wünschenswert?

Ich halte nichts von sogenannten Diskussionen mit dem erklärten oder heimlichen Ziel, das Eine »versus« das Andere auszuspielen. Ich hoffe, dass das niemand will. Realität wegzudiskutieren findet auch keinen wirklich qualifizierten Rahmen und man kann nur hoffen, dass sich auch sonst niemand – ähnlich wie bei einer »Cembalo-versus-Pianoforte-Diskussion« – dafür hergibt. Sicher vor solchen Dingen ist man allerdings nur, wenn eine Verwechslung von Engagement für eine Interessens- oder Glaubensgemeinschaft und Qualifikation in allen Fachbereichen ausgeschlossen ist.

An Lösungsansätzen für eine emanzipierte Orgelkultur der Zukunft bin ich hochinteressiert.