Orgel und elektronische Klangerzeugung

Artikel für die Musica Sacra im Herbst 2015

Unsere Königin Orgel lässt viele Überirdisches ahnen, ihre jüngere Stiefschwester E-Orgel nicht. Doch gelingen immer höher auflösende Video- und Audioaufnahmen, vor Jahrzehnten war von der Leistung heutiger Chips nicht zu träumen, auch nicht von audiovisueller Erreichbarkeit rund um den Globus oder der Informationsquelle Internet, welche die Erfindung des Buchdrucks potenziert. Längst haben digitale Technologien viele Bereiche der Kunst erreicht. Dies legt nahe, auch elektronische Klangerzeugung mit den höchsten Ansprüchen der Orgeltradition vereinen zu können.

Vorbehalte aber wundern nicht - mögliche Gründe: 

Schon mit der Pfeifenorgel haben wir uns, wohl ihrer höheren Komplexität und Klanggewalt wegen, anderen Musikinstrumenten gegenüber selbst vereinsamt. Sie wird dem Club der anderen nicht dazuempfunden, wohl weniger ihrer religiösen Konnotation halber, die vielleicht eher eine Folge ist, sondern weil sie als Maschine einschüchtert, sich andere Instrumente einverleibt, kommentiert, sogar gelegentlich zu ersetzten versucht – wie eben heute die Digitaltechnologie. Das Gefühl bringt für so eine wenig Liebe auf, ein Grund mehr erst Recht zu elektronischer Klangerzeugung nur verschämt, aus angeblicher Not zu greifen. Weiters spielen Verlustängste mit, durch Orientierungslosigkeit angesichts sprunghafter Neuerung und Schnelllebigkeit noch verstärkt. Die Technik von 2015 ist 2016 veraltet, zukunftssicherer erscheint somit die seit AD 1730 bewährte.

Zusätzlich mitverantwortet der rückwärts gewandte Fokus unserer Ausbildungsstätten, mehr Vergangenheitsvermittlung als unvoreingenommene Weiterentwicklung fördernd, leider auch die Prägung, tendenziell eher Altem Kunstfähigkeit, eher der Retrospektive Wissenschaftlichkeit zuzusprechen. 

Auch: Wird Kunst Zukunftsforschung, gefährdet sie die Komfortzone. Was Kunst will, Wohlfühlen, Weiterkommen oder beides - doch in welchem Verhältnis? - steht zur Debatte: Warum können die nicht einfach schön spielen oder malen? Eben weil je angstfreier, authentischer und damit relevanter eine Aussage ist, sie desto weniger beschönigen muss! Breite Einigkeit, es hätte sich um Kunst gehandelt, setzt schützend erst aus archäologischer Perspektive ein, wenn alles harmlos verwittert, der Aktualitätsschock vorüber ist.

Und: Ehrfurcht vor alten Meistern kommt hinzu und leider deren Nebenwirkung - ein in der Vergangenheit vermuteter Höhepunkt der (Musik)kultur: Was kann ich schon ausrichten, wo längst alles gesagt? Der Komponist wird posthum Schöpfergott, unhinterfragbar, auch nicht wohlmeinend, sein Instrumentarium, als paradiesischer Idealzustand aufwendig kopiert. Das Herauspicken einiger Zutaten der gepriesenen Originalzeit wird als wissenschaftlich, als historische Wahrheit geglaubt, folgt aber gerne unbewussten Übereinkünften des Zeitgeschmacks: Somit gilt das direkte Zitat als rettend, kreativ, künstlerisch und wissenschaftlich, wo mehr Vorsicht angeraten wäre.

Jedoch: Zukunftsorientierung fokussiert weniger das Subventionieren traditioneller Hüllen, als das Aufspüren ihrer Essenzen und ihre Interpretation mit frischen Zutaten. Manche Musikrichtung hat noch einen weiteren Weg als das Sprechtheater zurückzulegen, das schon mal bereit ist, aus kritisch beobachtender Verantwortung den Störenfried zu geben.

Auch ist es vielleicht ähnlich müßig wie nach dem Zuerst von Henne oder Ei zu fragen, ob die allgemeinen Fortschritte des Abendlands einst unsere Musikentwicklung bedingten oder umgekehrt: Wichtig ist aber, die kompromisslose Entwicklung der Musik und ihres Instrumentariums als Messwert oder besser Voraussetzung für Kultur einzukalkulieren. Kategorisches Ausschließen hingegen verhindert Aktualität und Bedeutung in der Zukunft.

Zurück: Jene Hingebung, welche ihr immer wieder den Aufwind zu neuen Höhenflügen verlieh, wird auch in der Zukunft mehr ermöglichen, als elektronische Notlösungen oder auch beliebig aufwendiges Kopieren eines vergangenen Status quo. Eine Voraussetzung dafür ist auch, die Orgel weiter gefasst zu sehen, als die erfolgreiche Blüte der Strategie durch Pfeifen Klang zu erzeugen uns quasi naturgesetzlich nahe legt.

Um sich der Frage zu widmen, wo aktuelle Technologien einer umfassenden Idee von Orgel weiterhelfen können, rief die Universität für Musik und darstellende Kunst Graz das Zentrum für Orgelforschung ins Leben. Forschungsprojekte zur Mobilität von Pfeifenorgeln, zur Weiterentwicklung digitaler Instrumente oder auch zu neuen Aufnahmetechniken wurden realisiert. Hier zeigten sich interessante Möglichkeiten bei digitalen und hybriden Instrumenten – zum Beispiel hinsichtlich ihrer Ergonomie:

Tastendruckverlauf oder Tastentiefgang mussten bisher meist den Gesetzmäßigkeiten eines sehr komplexen Konzepts folgen. Wird dieses flexibler, werden neue Möglichkeiten eröffnet und es stehen grundsätzlich Mensuren des Spieltischs offener zur Disposition: Eine Orgel kann dann beispielsweise körpergerecht mitwachsen, der Tastengang ist individuell wählbar.

Auch für die symphonische, kammermusikalische oder generell die raumakustische Integration kommen Aspekte hinzu: 

Mit elektronischer Klangerzeugung können Resonanz- und Nachhallwirkungen erzielt werden, die in jeder Registrierung den umgebenden Raum ergänzen, abgestimmt auf Tonhöhe, Tempo, Faktur oder Artikulation.

Digitaltechnologie bietet außerdem neue Chancen, Klangfarben zu flexibilisieren: 

Durch sensitive Tastaturen kann mit der Dynamik eines Ensembles in Echtzeit interagiert werden. Auch der Stimmungskompromiss beim Spiel mit Orchester, bei den für solistische Wirkungen häufig nötigen Obertonregistern - der additiv zum Temperaturkompromiss aller Tasteninstrumente hier besonders deutlich wird - lässt sich umgehen: Eine Flöte kann zum Beispiel beliebig laut oder formantenreich werden, eine Chamade extrem leise, auch ist der Ort der Klangabstrahlung live veränderbar.

Zusätzlich eröffnen sich neue Perspektiven, die Temperatur dem Momentancharakter der Partitur anzupassen: 

Diese ist in Sequenz registrierbar, zudem lässt sich der Orgel per Score-Follower beibringen, wo in der Partitur gerade gespielt wird und Temperaturanpassungen, Registrierungen, polyphone dynamische Verläufe und viele andere Parameter können so während des Spiels von der Orgel selbständig aufgerufen werden. Da eine, die Partitur interpretierende Stimmung nicht möglichst rein, sondern jeweiliger dramatischer Anspannung oder erlöster Entspanntheit kongruent wäre, eröffnen sich interessante Forschungsfelder.

Weiterhin ist die globale Tonhöhe bei elektronischer Klangerzeugung ein variabler Faktor - auch im Partiturverlauf: Wie eine Lautstärke am Anfang anders empfunden wird als an späterer Stelle, wird auch eine Tonhöhe zu Beginn einer Klangrede anders wahrgenommen als im weiteren Verlauf.

Gunther Rost, Herbst 2015