Die Orgel - Schlafes Schwester?

ABO@MUMUTH: Schlafes Bruder (Photo: Johannes Gellner/KUG)

Einführungstext zum Projekt Schlafes Bruder für Schauspielerin und E-Orgel


Warum spielen Captain Nemo, Graf Dracula, das Phantom der Oper oder eben Johannes Elias Alder ausgerechnet Orgel? Es ist ihr etwas anziehend Letales zu eigen: Ist sie mit dem Tod im Bunde, ist sie „Schlafes Schwester“?        

 

„Wer liebt, schläft nicht.“ 

 

Mit diesem Selbstanspruch des Romanhelden beginnt Robert Schneiders Erzählung. Die Gabe unermüdlichen Wachens wird sonst vor allem Gott zugesprochen:

 

„Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“

(Psalm 121,4)

 

Die berühmte Vertonung im „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy ist dem Musikkenner Robert Schneider sicher vertraut - ein Grund mehr für den Namen des Romanhelden. Jedoch, nicht nur die Liebe motiviert zum Wachbleiben:

 

„The Dark Lord isn‘t resting.“

(Harry Potter and the Order of the Phoenix) 

 

Außerdem behauptet, dem Selbstanspruch des Romanhelden entgegengesetzt, auch der Volksmund:

 

„Wer schläft, sündigt nicht.“ *

 

Diesen Rat umsetzend, winkt Paradiesisches: Vor dem Fruchtgenuss, in Mitten des Gartens träumt es sich leichter, weil ahnungslos und damit subjektiv unschuldig. Im Garten Gethsemane hingegen spricht der Herr zu Petrus:

 

„Könnt ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?

Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“ 

 

Es geht also um Bewusstsein und die Frage, ob Bewusstsein Sünde ist: Misslingt Johannes Elias Alder die Integration in die (unbewusste) Dorfgesellschaft, weil er wacher ist, mehr hört, mehr wahrnimmt? Auch: Weil ihm das Werben um die Frau fremd ist? Vielleicht weil er meint, dass dies keinen Sinn macht, wenn doch beide dasselbe wollen?

Zur Orgel: Die sogenannte Königin der Instrumente tut sich ja auch einigermaßen schwer beim ausgelassenen Konzert der anderen mitzuspielen. Ist sie zu keusch? Oder im Gegenteil, zu wach?

Zumindest wird sie nicht sympathischer, wenn sie andere nachmacht: Trompeten und Posaunen, sämtliche Instrumente sind ja nicht sicher vor ihr. Ein Zug, mit dem auch Johannes Elias Alder, der alle im Dorf zum Verwechseln imitieren kann, verunsichert:

 

Viele müssen erschrecken, hören sie den Klang ihrer eigenen Stimme.“

 

Die E-Orgel nun, ganz Femme fatale, also besonders anziehend, kopiert nicht nur ihre ältere Schwester in täuschender Absicht, angeblich ihren Majestätsanspruch „bewusst verletzend“ – sie beginnt darüber hinaus in allen akustischen Revieren zu wildern, dass sich klammheimlich die Frage zu stellen beginnt, wozu eigentlich noch MusikerInnen gebraucht werden. Schürt sie die Angst, ersetzt zu werden – wie zum Beispiel das Internet der Dinge? Oder nährt sie nur die Furcht, sich selbst im Spiegel zu erkennen?

Wenn nun das Musizieren in Frage steht, sind wir beim Homunculus, bei Frankensteins Monster, den Androiden und dann bei der Frage, wie wirklich Wirklichkeit ist.

Groß ist also das Bangen vor zu viel Bewusstsein, das den schönen Schein, den angeblichen Sinn zerstört und bei nicht grenzenlosem Vertrauen fürchten lässt, dass nichts von uns bleibt.

Im Roman kappt bereits eine erste Stimmung der Dorforgel den Lebensfaden des eingesessenen Kirchenmusikers.

Gunther Rost, am 4.5.2016

 

* Chevalier Casanova denkt hier weiter: 
„Wer schläft, sündigt nicht – wer vorher sündigt, schläft besser.“

Zu viel Erkennen im Sinne erotischer Sättigung - dem Volksmund als „kleiner Tod“ ein Begriff - wird ja kritisch gesehen: Man drohe zu erblinden, vermutlich der Gefahr wegen, die rosarote Brille irgendwann ein für alle Mal zu verlegen...