Cinderella or SHE who Must Not be Named

Von Orgel und elektronischer Klangerzeugung

Aus dem Vortrag im Rahmen der Signale Soirée, 14.12.15, IEM 

 

Was ist die Orgel? Eigentlich ein mehr oder weniger historischer und intelligenter Computer, mit dessen Hilfe Klangbefehle durch Menschen gesteuert werden können; dies erfolgt mit erstaunlich diskreten 0/1-Entscheidungen.

Die Orgel integriert und imitiert Klangreize, Streich- und Blasinstrumente, Perkussionseffekte oder Naturlaute. Im Zentrum für Orgelforschung spüren wir in diesem Sinne den Chancen der elektronischen Klangerzeugung für die Orgel nach und untersuchen, was eine Verbindung von beidem Interessantes hervorbringt. Warum dies gelegentlich noch umstritten ist, dazu folgen später noch Thesen. 

Mir ist also wichtig, mehr in der Orgel zu sehen, als nur ein Tasteninstrument, mit dem man Wind durch Pfeifen schickt. Die klassische Musikerziehung, auch die meinige, brachte hingegen den Glauben mit sich, die Orgel wäre ausschließlich ein solches Instrument, obgleich dies längst widerlegt ist: Im Rahmen des allgemein bereits oben Erwähnten gibt es das Clavi-Organum des Barock, Cembalo und Orgel also in einem, die Integration der Celesta und vieles mehr. Die tendenzielle Unhinterfragbarkeit eines Instruments ist aber nicht Spezifikum der Orgelszene, das Prokrustesbett, dem man angepasst wird, ist ein musikszeneweites Phänomen: Wir passen uns dem Konzertflügel an, kaum gibt es umgekehrt Entgegenkommen.

Zurück zum Begriff Orgel: Gerne wird verdrängt, dass im Bereich des Jazz die Bezeichnung Orgel nicht mit Pfeifenorgel assoziiert wird und ohnehin mehrheitlich unter Orgel ein Synthesizer verstanden wird. 

Je nach Hintergrund wundert vielleicht die Motivation dieser Ausführungen, sie sind (mir) aber insofern wichtig, als immer wieder die Frage gestellt wird, wie denn eine Nicht-Pfeifenorgel eine Orgel sein könne und dies gerne mit prädestiniertem Negativ-Ergebnis: Es geht also um eine „Originaldiskussion“, um die Frage, wer das jeweilige Patentrecht auf eine Bezeichnung inne hat bzw. wer es durchsetzt. Es geht um diverse (Industrie-)Lobbyinteressen und deren Verwechslung mit Kunst oder Forschung, letztlich um quod licet lovi non licet bovi, also um das Ausfechten der Frage, wer Sprache und damit Denken und Rezeption definiert, es geht also um die Frage, wem man glaubt.

Wir kennen dies aus dem Ölgeschäft, das zunächst wenig Interesse an Elektromobilität aufbringt oder aus den Diskussionen um Pharma- und Tabakindustrie...

Das Thema hat also Brisanz und ich meine, über die Orgelszene hinaus: Denn, was wäre, würde man eine Stradivari in Streicherabteilungen mit einem asiatischen Nachbau oder gar einer E-Geige zu vergleichen beginnen, da die Instrumente für viele nicht mehr unterscheidbar wären bzw. weil bemerkt würde, dass unkar ist, welche Vorteile wann überwiegen - man müsst sich ändern und umdenken. 

Für die Orgel ist jedenfalls längst offensichtlich, dass elektronische Klangerzeugung astronomisches Potenzial birgt: Gerade dieses aber ängstigt und wird daher verständlicherweise so lange wie möglich verdrängt. Im Roman „Schlafes Bruder“ vergrämt eine erste Stimmung der Dorforgel den dortigen Kirchenmusiker sogar letal.

Das Potential umfasst u. a. die Ergonomie, flexible Stimmung (den Alten Traum der Tasteninstrumente), die Mobilität des Instruments, Aufnahmetechnik - der Impact ist also gewaltig.

Nun aber weiter zu den Vorbehalten gegenüber der elektronischen Klangerzeugung. Zu den möglichen Hintergründen der Vorbehalte, hier weitere Thesen:

Schon die Pfeifenorgel hat sich, nicht nur wegen ihres üblichen Standorts, der Kirche und weil sie eine „Immobilie“ ist, vereinsamt. Hinzu kommt vielmehr, dass sie als Maschine einschüchtert, besonders in früheren Generationen, weil sie andere Instrumente oder Eigenschaften der menschlichen Stimme imitiert - die Angst, als Mensch ersetzt zu werden, war also immer im Raum. 

Vielleicht liegt es daran, dass die Grundidee der Orgel, ob sie nun mit Pfeifen, Sampling, Physical Modelling oder welchen Techniken auch immer umgesetzt wird, eine Art Meta-Instrument, eine Art Vogelperspektive, darstellt. „Orgel“ heißt ja eigentlich nur „Werkzeug“, ein Tool das alles kann, im Gegensatz zu anderen Instrumenten, aber nichts wirklich gut. Ist die Idee der Orgel in der Evolution der Instrumente der des Menschen nicht ähnlich? Entspricht sie nicht der Idee des Menschen unter den anderen Tieren, der nichts wirklich gut kann, nicht sehr schnell rennen, nicht schwimmen wie ein Fisch, der aber auf besondere Art denken kann: Mit diesem Denken erfinden wir unsere Werkzeuge, erst mit diesen behaupten  wir uns. Es sind Werkzeuge einer zunehmend scheinbar unreduzierbaren Komplexität: Bald sind Smartphones scheinbar so unzerlegbar komplex wie uns ein Auge vielfach erscheint.

Weiterhin: Der Mensch wird von ihm selbst häufig nicht der Natur hinzu empfunden. Vögel fliegen wie wir finden „natürlich“, mit einem Flugzeug hingegen empfinden wir das Fliegen „künstlich“ - noch. Selbst bei so etwas uraltem wie unserem Gehirn, braucht es immer wieder den didaktischen Hinweis, dass es sich um ein Organ handelt, das Teil unserer Körpers ist und kein Extragerät: Wenn wir etwas noch nicht im Gefühl haben, dann ist es angeblich „verkopft“, als ob es unserem Kopf, wenn etwas unser Gefühl nicht verdaut hat, gut ginge.

Hier haben wir dieselben Phänome, die uns die Musik alter Meister als quasi natürlich und dazugehörig empfinden lassen, Avantgardistisches hingegen als unnatürlich, als konstruiert, nicht dem Gefühl erschlossen, eben noch nicht verdaut.

Dazu und wohl auch daher kommt der im Allgemeinen rückwärts gewandte Fokus unserer Musikausbildungsstätten: Das Gefühl misst ja eher Altem Kunstfähigkeit, eher bewährtem Wissenschaftlichkeit zu. Die Logik belegt uns das Gegenteil, nämlich, dass die Widerlegung von Thesen Wissenschaft und Kunst vorwärts bringt. Die Verwechslung, Universität bestünde darin, Bekanntes und Bewährtes zu reproduzieren, den Inhalt eines Physik- oder Musiklehrbuchs zu vermitteln, anstatt ihn von vorn herein zu hinterfragen und zu differenzieren, liegt also nahe. Die Entschuldigung dafür ist, dass zunächst alle auf den aktuellen Wissensstand, der jedoch nur ein angeblicher und scheinbarer Wissensstand ist, gebracht werden müssen. Dies erfolgt durch Nachahmung, also eher unreflektiert: Auf diese Nachahmung sind wir in den Musikausbildungsstätten stark fokussiert. Wie hingegen Kreativität und Eigenständiges Denken und Fühlen provoziert werden kann, ist ein Mysterium. (Es ist also vielleicht nicht immer von Nachteil in der PISA-Studie ganz vorne dabei zu sein.)

Dieses Problem führte beispielsweise in der klassischen Musikszene dazu, dass die ursprünglich aufklärenden Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis längst zu einer neuen „Religion“ geronnen sind. Eine ältere „Religion“, die von Karajan und Co, wurde versucht durch Aufklärung zu überwinden. Neue, im System freilich nicht analysierte Axiome, entstanden wiederum durch Nachahmen der neuen Protagonisten, nicht durch Nachhaken. 

So scheint zum  Beispiel folgende Idee eine axiomatische Annahme zu sein: 

Je mehr von der Aufführungspraxis der Originalzeit reproduziert wird, desto besser kommt die Aussage der Komposition zur Geltung. Dies ist theoretisch richtig, praktisch aber falsch, weil logisch ausgeschlossen, denn wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Frei nach Friedrich Gulda: Gebt mir das Originalpublikum, dann mach ich mit... Ungeachtet dessen erschaffen wir zyklisch immer neue Subreligionen innerhalb unserer Fächer, verbunden mit der rasch steigenden Herausforderung, sich zwischen den Glaubensrichtungen zu verständigen, hinter denen sich unbewusste Erbpfründe verstecken. 

Im Falle der Orgel hat jedenfalls diese Axiomatik zu Erstaunlichem geführt -  einer Reihe teilweise berückend schön klingender sog. Kopien historischer Instrumente: Man geht üblicherweise so vor, dass eine Auswahl an Parametern, in unbewusster Szeneübereinkunft übernommen wird, die im angeblich Wesentlichen, als vollständig angesehen wird. Ein Beispiel: Eine historische Orgel wird akribisch restauriert. Auf ein Pferd, das im Kreis gehend die Orgelbälge mit Luft versorgte wird zugunsten eines chipgesteuerten Elektromotors stillschweigend verzichtet, gleichzeitig sind kleinste Porzellan-Zierplättchen, die die Klanggestalt nicht beeinflussen, Gegenstand aufwändiger Diskussion. 

Eine weitere Nebenwirkung dieser Axiome möchte ich abschließend thematisieren:

Der Glaube, mit den genannten Stilkopien der ursprünglichen Idee einer Partitur am Nächsten zu kommen, führt zu Folgendem Fehlschluss: Ein Instrument, mit einem anderen Zugriff auf die Technologien des 21. Jahrhunderts, als der unbewussten Szeneübereinkunft, z. B. elektronische Klangerzeugung inkludierend, könne die Musik vergangener Epochen natürlich nicht sinnvoll interpretieren. Für ein  solches Instrument müssten ja zunächst zukünftige Kompositionen, die ausschließlich genau dafür komponiert sind, geschaffen werden... 

All dies führt mich schließlich zur Frage, was Musik eigentlich will oder was ich mit der Musik, von der Musik will. Soll sie bequem sein oder verständlich oder ein unhinterfragbares Mysterium oder ein reinigendes Evolutionstool oder will ich damit Geld verdienen oder alles zusammen? Vielleicht ist Musik auch zusätzlich noch ein sicherer Ort, wie ihn PsychologInnen für die Traumatherapie empfehlen: Also ein imaginierter Bereich, in dem man vor Zugriffen unbedingt geschützt ist, eine abgespaltene Traumwelt, ein Jardin suspendu - wie Jehan Alain dieses Phänomen nannte. Wenn die Musik so ein sicherer Ort ist, was ist dann mit der Entwicklung der Konservatorien hin zu Musikuniversitäten: Nimmt uns nicht die Aufklärung der Musik durch Forschung immer wieder diese Sicheren Orte? Oder schafft sie erst durch neue Erkenntnisse zukunftssichere Orte?...

In diesem Spannungsfeld steht offensichtlich die Grazer Orgelforschung. Ich glaube es handelt sich also um grundsätzliche Fragen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Gunther Rost, 2015