Die Konzeption der Orgelneubauten an der Kunstuniversität Graz

Die Konzeption der Orgelneubauten an der Kunstuniversität Graz

erstellt am 19. Januar 2013

Die Orgel

Die Bedeutung des Begriffs Orgel ist in vielen Sprachen erstaunlich universal. Teils wird noch kein konkretes Instrument, nicht einmal eine Instrumentengruppe beschrieben, sondern »Instrument« im allgemeinsten Sinn (vgl. altgriechisch „organon“).

 

 


Herkunft und Idee 

Schon aus der Antike ist die Orgel als »one (wo)man orchestra«1 bekannt. Ihre Grundidee, verschiedenste Klänge durch nur einen Menschen lebendig werden zu lassen, hat sich seitdem mit den technischen Möglichkeiten mitentwickelt. Sämtliche Klangreize der jeweiligen Zeit, auch Perkussionseffekte oder Naturlaute, wurden – soweit technisch möglich (und erwünscht) – durch Orgelregister zu imitieren versucht und in das Instrument integriert.2

Die Orgel war übrigens schon immer eine Art Computer, denn sie funktioniert in bemerkenswert vielfältiger Hinsicht digital.3 Wie ein moderner Rechner mit 0/1-Weichenstellungen operiert, so summieren sich beim Spiel der Orgel ebenfalls viele Einzelentscheidungen.

Im Beispiel:

-> Sekunde 0: Motor „an“,

    -> Sek. 2: Flötenregister aktiv,

                -> Sek. 3: Taste C aktiv,

                       -> Sek. 4: auch Taste c aktiv,

                                 -> Sek. 5: Trompetenregister aktiv,

                                           -> Sek. 7: Trompetenregister inaktiv,

                                                      -> Sek. 8: C und c inaktiv,

                                                                 -> Sek. 9: Flötenregister inaktiv,

                                                                              -> Sek. 10: Motor „aus“.4

 

Fußnoten:

1 Soweit wir wissen, wurden die Orgeln der Antike überwiegend von Frauen gespielt.

2 An dieser Stelle besteht die Gefahr, die Orgel als Sonderfall, nämlich als Imitation anderer Instrumente bzw. der Natur, wahrzunehmen: Tatsächlich aber imitiert und zitiert jedes Instrument, jede Komposition, jede Aussage. Grundsätzlich nutzt alles Spätere das Frühere – bewusst oder nicht. So basiert Musik selbst wohl u. a. auf „Ur“-Lauten der Säugetiere, diese wiederum auf früheren „Ur“-Lauten usw.

3 Digitale Signale sind diskrete, gestufte Information. Analoge Signale sind kontinuierliche, ungestufte Information.

4 Auch hier scheint sich die Orgel essentiell von anderen Instrumente zu unterscheiden – bei genauer Betrachtung aber ist jede Situation digital und analog, der Unterschied zu anderen Instrumenten ist also graduell: Das Berühren der Orgeltaste oder der Violinsaite ist zwar einerseits eine digitale 0/1-Entscheidung, aber in der Ausführung analog und prozesshaft. Letztlich trifft man hier wohl auf die Quantenphysik, die Wellen- und Teilchennatur als zwei Seiten derselben Medaille erkannte.

 

 

 

 


Die Konzeption der Orgelneubauten an der Kunstuniversität Graz

Die Herkunft der Orgel und ihre Idee legen nahe, auch heute die reichen Möglichkeiten unserer Zeit zu nutzen. Es gilt also, im Forschungsbereich Orgel traditionelle Vorgehensweisen konsequent fortzusetzen. Was kann also in das Instrument integriert werden, das noch nicht integriert ist? Ziel des doppelten Orgelbauprojekts an der Kunstuniversität Graz war es deshalb – soweit innerhalb des Budgets möglich – die neueste Technologie einzubeziehen. Bisherige Grenzen des traditionellen Orgelbaus sollten bewusst gemacht und wenn möglich erweitert werden. Die Weiße Orgel setzt hierbei auf die herkömmliche Klangerzeugung durch Holz- und Metallpfeifen. Die Schwarze Orgel hinterfragt auch diese traditionelle Klangerzeugung und setzt vollständig auf elektronische Klangwiedergabe. Beide Orgeln sind auch von einer Konsole aus spielbar.

 

 

Weiße Orgel

Konzeption:                      Gunther Rost

Realisierung:                    Orglarstvo Močnik, Cerklje, Slowenien

 

 

Mobilität

 

Die Orgel ist in zehn Modulen transportabel gebaut und umfasst zehn Register. Herkömmliche Instrumente dieser Größe waren bisher fest an einen Ort gebunden. Um Mobilität zu ermöglichen, wurden beispielsweise elektrische und mechanische Verbindungen als Schleifkontakte bzw. flexible mechanische Kupplungen ausgeführt.

 

Baukastensystem

 

Das Instrument ist bei entsprechend abgestimmtem Konzertprogramm bereits mit vier der zehn Module sinnvoll einsetzbar. Geplant ist, die Orgel zu erweitern, zum Beispiel um romantische Register oder Klangfarben für spezielle Stilbereiche des 20. Jahrhunderts. Das Instrument ist also wie ein Orchester in verschiedenen Besetzungsarten und Größen mobil.

 

Variable Stimmtonhöhe

 

Die flexiblen Verbindungen zwischen den Modulen erlauben ein Transponieren der Orgel in Halbtönen (a1 = 415, 440 oder 465 Hz). Dies ermöglicht zum Beispiel das Zusammenspiel sowohl mit historischen als auch mit modernen Orchesterinstrumenten, die nach verschiedenen Kammertönen stimmen.

 

Höhenverstellbarer Spieltisch

 

Die modulare Bauweise ermöglicht auch das ergonomische Anpassen des Spieltisches. Neben der Höhe der Orgelbank ist auch der Abstand zwischen Manualen und Pedal variabel.

 

 

               Disposition der Weißen Orgel (siehe unten)

 

 

 

Schwarze Orgel

 

Konzeption:                      Gunther Rost und Rodgers Instruments

Realisierung:                    Rodgers Instruments, Hillsboro/Oregon, USA

 

Physische und virtuelle Mobilität

 

Die Orgel besteht aus ca. 50 Modulen, von denen etwa die Hälfte Lautsprecher sind. Sie ist bereits mit einem Bruchteil dieses Equipments einsetzbar. Der Umfang hängt beispielsweise von der Raumgröße, der technischen Ausstattung des Aufführungsortes oder der Programmauswahl ab.

Da diese Orgel im Prinzip aus digitaler Information besteht, genügt elektronische Datenübermittlung, damit sie anderenorts über einen kompatiblen Empfänger hörbar wird. Ein Computer (günstigenfalls wohl mit einem Spieltisch wie vor Ort) genügt bei ausreichender Leistungsfähigkeit, um die Orgel mit den übertragenen Daten spielen zu können. Die Wiedergabe kann per Kopfhörer oder durch beliebig aufwendige Lautsprechersysteme erfolgen.

 

Neue Aspekte der elektronischen Orgel in Beispielen

 

 

Flexibilität des Klanges:

Grundsätzlich können sämtliche digitalisierten bzw. digitalisierbaren, natürlichen und künstlichen Klänge in die Orgel eingelesen werden. Sie sind dann über die Klaviaturen und Bedienungsoberflächen des Instruments spielbar. Je nach Programmierung sind sie in beliebig feiner Abstufung steuerbar.

 

Stimmung/Stimmtonhöhe:

Neben einer Anpassung der Stimmtonhöhe (zurzeit mit der Genauigkeit von 0,01 Halbton = 1 Cent), verfügt das Instrument über eine flexible Temperatur (Stimmungsverhältnis der Töne zueinander). Neben jeder individuellen Temperatur sind die gebräuchlichsten historischen Stimmungen (zum Beispiel Werckmeister I-III) als Voreinstellungen abrufbar.

 

Spieltisch:

Der Spieltisch kann der Körpergröße angepasst werden. Auch Tastendruck und Tastentiefgang sind bei elektronischen Instrumenten beliebig variabel. Grundsätzlich ist nun der Spieltisch als Bedienungsoberfläche viel freier gestaltbar, da er nicht mehr an die physische Verbindung zu mechanischen Systemen des Instruments gebunden ist. Dies eröffnet auch hinsichtlich der Nachwuchsförderung völlig neue Perspektiven, da die Konsole zum Beispiel mit der Körpergröße „mitwachsen“ kann.

 

Register (vorab ausgewählte Klangfarbe):

Jedes Register (ehemals v. a. Metall- oder Holzpfeifenreihen) ist nun veränderbar und nicht mehr – nach einmaliger Intonation – vorgegeben. Jederzeit können Parameter verändert werden, zum Beispiel

- die Lautstärke,

- der Tonansatz (zum Beispiel plötzlich oder mit langem »fade in«),

- das Tonende (zum Beispiel mit langem »fade out«),

- die Tonfarbe (z. B. hell, dunkel),

- die Tonhöhe (z. B. Vibrato).

 

Tastenanschlag:

Die Klaviaturen sind – wie  beim Pianoforte – sensitiv.

Bei der E-Orgel entscheidet der Anschlagsimpuls frei wählbar beispielsweise

- über die Lautstärke des Tones (zusätzlich zur oben genannten vorgewählten Lautstärke),

- über verschiedene Parameter des Tonansatzes (beispielsweise weich/hart),

- über die Anzahl der klingenden Register.

 

Raumunabhängigkeit:

Zum ersten Mal in der Geschichte ist eine Orgel von fast beliebiger Größe mobil und vom Raum relativ unabhängig. Beispielsweise können Lautstärke und Raumakustik sowie die Raumposition der Schallereignisse beliebig gewählt werden.

 

Individualisierung:

Das Instrument ist nicht mehr vorgegeben, sondern kann individuell konfiguriert werden. Interpretin und Interpret können also jederzeit über unzählige Parameter des Instruments entscheiden.

 

Aktuelle Disposition der Schwarzen Orgel (siehe unten)

 

 

 

 

 

Die Dispositionen der neuen Orgeln

 

Weiße Orgel (Orglarstvo Močnik, Cerklje, Slowenien)

I. Manual (schwellbar), C-c4 (H-cis4)*

Prinzipal 8‘

Flöte 8‘

Octav 4‘

Nazard 2 2/3‘

Mixtur III

 

II. Manual (schwellbar), C-c4

Coppel 8‘

Holzflöte 4‘

Octav 2‘

 

III. Manual (schwellbar, Diskant und Bass geteilt), C-c4

Regal 16‘

Trompetenregal 8‘

 

Pedal (aus I), C-g1 (H-gis1)*

Prinzipal 8‘

Flöte 8‘

Octav 4‘

 

Spielhilfen

- Koppeln: II-I, III-I, I/II/III-Pedal

- Tremulant, Potentiometer

- wahlweise elektrische oder mechanische Registertraktur

- Setzerkombinationen mit USB-Speicheranschluss

- Insertfunktion für nachträglich eingefügte Kombinationen

- MIDI-In/-Out/-Thru

- Transpositionsvorrichtung 415/440/465 Hz*

- Schwellerkoppel (alle Schweller über einen Tritt steuerbar)

- Tastenfessel für jeden Einzelton

- Windzufuhr flexibel regelbar und in Kombinationen setzbar

- Abstand Pedal-Manual verstellbar

- gepolsterte, höhenverstellbare Orgelbank

 

 

 

 

Schwarze Orgel (Rodgers Instruments, Hillsboro/Oregon, USA)

 

Dispositionsbeispiel:

 

Pédale (auch auf: III, II, I)

Basse 64‘

Basse 32‘

Bombarde 32‘

Principal 16‘

Contrebasse 16‘

Soubasse 16‘

Dulciane  16‘

Montre 8‘

Flûte 8‘

Bourdon 8‘

Violoncelle 8‘

Octave 4‘

Flûte 4‘

Octave 2‘

Flûte 2‘

Fourniture IV

Bombarde 16‘

Basson 16‘

Trompette 8‘

Clairon 4‘

   

Récit (auch auf: III - 16/4, II - 16/8/4, I - 16/8/4, P - 8/4)

Bourdon 16‘

Violone 16‘

Diapason 8‘

Bourdon 8‘

Flûte harmonique 8‘

Gambe 8‘

Voix céleste 8‘

Dulciane 4‘

Octave 4‘

Flûte traversière 4‘

Nazard 2 2/3‘

Octavin 2‘

Tierce 1 3/5‘

Piccolo 1‘

Plein jeu IV

Cymbale III

Bombarde 16‘

Trompette 8‘

Hautbois 8‘

Voix humaine 8‘

Clairon 4‘

 

Positif (auch auf: II - 16/4, III - 16/8/4, I - 16/8/4, P - 8/4)

Violon basse 16‘

Montre 8‘

Flûte harmonique 8‘

Cor de nuit 8‘

Salicional 8‘

Principal 4‘

Flûte d'amour 4‘

Nazard 2 2/3‘

Doublette 2‘

Flûte 2‘

Tierce 1 3/5‘

Fourniture V

Cymbale IV

Bombarde 16‘

Trompette 8‘

Clarinette 8‘

Clairon 4‘

 

Grand Orgue (auch auf: I - 16/4, III - 16/8/4, II - 16/8/4, P - 8/4)

Montre 16‘

Gambe 16‘

Bourdon 16‘

Montre 8‘

Principal 8‘

Flûte harmonique 8‘

Bourdon 8‘

Gambe 8‘

Octave 4‘

Flûte 4‘

Salicional 4‘

Quinte 2 2/3‘

Doublette 2‘

Flûte 2‘

Tierce 1 3/5‘

Cornet V

Fourniture VII

Cymbale V

Bombarde 16‘

Trompette 8‘

Clairon 4‘

 

Solo (Floating Division auf: III - 16/8/4, II - 16/8/4, I - 16/8/4, P - 8/4)

Clavecin

Viole céleste II 16‘

Violon céleste II 8‘

Viole 8‘

Flûte 8‘

Flûte 4‘

Cornet V

Cor anglais 8‘

Hautbois 8‘

Chamade 16‘

Chamade 8‘

Trompette  8‘

Clairon 4‘

 

Diverse Orchesterstimmen

 

Spielhilfen (Auswahl)

-          Basskoppel

-          Melodiekoppeln

-          Koppeln, Sub- und Superkoppeln, Inverskoppeln (Manualtausch)

-          Diverse Schwellerkoppeln (mehrere Schweller über einen Tritt steuerbar)

-          Schweller für alle Werke

-          diverse Tremulanten

-          Setzeranlage

-          verschiedene Temperaturen

-          alternative Audiokonfigurationen

-          MIDI-In/-Out/-Thru

-          flexibler Wind

-          flexibler Abstand zwischen Pedal und Manual

-          flexibler Pedaleinschub

-          gepolsterte, höhenverstellbare Orgelbank

 

 

 

 

Beachten Sie auch den Bericht über die neuen Orgeln im ORF-Landesstudio Steiermark.

 

 



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